Elisabeth Dauthendey - vivos voco

vivos voco I. Es war der erste Abschied zwischen ihnen für eine sehr lange Zeit, für eine sehr große Entfernung. Yvette sah mit verhaltenem Schmerz in das sonderbar leuchtende Gesicht Lenorens. Es leuchtete wie von einem schwer errungenen Siege. Ihre Hand hatte etwas Schweres und Müdes in der Bewegung, wenn sie immer wieder und wieder zu der ihren heruntergriff aus einem offenen Fenster des Zuges heraus, der jeden Augenblick nun plötzlich jenen furchtbaren Stoß machen sollte, der jäh und unwiderruflich den Abgrund der Trennung zwischen sie beide legen würde. Es war nicht auszudenken. Und die beiden dachten auch nicht weiter als die eine wundervolle bange und schreckliche Sekunde, da sie sich noch mit den Augen sehen, die geliebte warme Stimme noch hören und den fast schmerzhaften Druck der bebenden Hand noch fühlen konnten. Vor Lenore tat sich die Welt auf. Ein langes reiches Jahr sollte sie die Erde umkreisen, die Wunder neuer Meere und Zonen schauen, den fremden Reichtum alter Kulturstätten aufnehmen, den Rausch unbekannter Fernen auskosten. Aber die Lockungen dieser Ferne wurden plötzlich etwas Entsetzliches und alle grausamen Möglichkeiten der langen Trennung kamen ihnen in diesem letzten Augenblicke gegenseitigen Besitzes erst voll zum Bewußtsein, wie eine schwere beängstigende Last lag diese letzte fliehende Minute der Gegenwart auf ihren Seelen und Gliedern. Vollständig unbegreiflich und töricht schien es ihnen jetzt, sich zu trennen. Und wenn sie dem Drange ihrer tiefsten Empfindung nachgegeben hätten, würden sie jetzt noch im letzten Augenblicke alles rückgängig gemacht haben und wären zusammen zu dem warmen Glück ihres gemeinsamen Lebens zurückgekehrt. Aber die Wirklichkeit zwingt uns, auszuführen, was unser Wille in kühler Stunde der Überlegung sich auferlegte, wenn auch das, was ihm zuvor Wunsch und Müssen schien, sich zu unerträglichem Schmerze gewandelt und wir kaum noch eine leise Empfindung von dem übrig haben, was unseren Willen zu diesem Punkte führte. Zumeist aber hatte dieser Wille Recht und nur die Finsternis des augenblicklichen Schmerzes läßt es uns nicht mehr erkennen. – Lenorens Augen leuchteten auf, hell und sieghaft, aber ihr Mund wurde zum Verräter ihres Schmerzes und die müde Hand konnte nur noch leise die traurige Bewegung des letzten Abschiedsgrußes machen, als der Zug

RkJQdWJsaXNoZXIy MjA3NjY=